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Schülerinnen, Schüler, Eltern

Entwicklungen der Gesellschaft, neue Fragestellungen?

Nehmen wir an, Sie sitzen einem Elternpaar gegenüber und wollen mit ihm über ein schulisches Problem sprechen. Vor 40 Jahren hätten Sie aufgrund des Berufs des Vaters ziemlich genau gewusst, welcher Erziehungsstil in der Familie galt, welchen Werten und Normen nachgelebt wurden und welche Ansprüche diese Eltern an die Schule stellten. Nach den neueren Entwicklungen in der Gesellschaft ist das heute alles andere als klar. In den letzten Jahrzehnten entstand eine breite Palette möglicher und in vielen Fällen gesellschaftlich anerkannter Familienformen. Sie wissen auf den ersten Blick kaum, wer Ihnen gegenübersitzt, ob es ein Paar ist, das ausschliesslich gemeinsam gezeugte Kinder betreut, oder ob es sich bei dieser Familie um eine «Patchwork-Familie» handelt. Sie wissen aber auch nicht, welche Ansprüche das Elternpaar an die Schule stellt. Sind es Eltern, die von der Schule eine partnerschaftliche Erziehungsarbeit verlangen, oder sind es solche, die sich auf den Standpunkt stellen, die Erziehung der Kinder sei allein ihre Aufgabe? Sind es Erziehende, welche die Volksschule als «notwendiges Übel» betrachten, oder sind es solche, die eine gemeinsame Schule für alle Kinder als eine eminent wichtige Lebenserfahrung betrachten? Um einen einigermassen guten Gesprächsverlauf zu sichern, sollten Sie dies herausfinden. Im Folgenden wird der Versuch gemacht, die wichtigsten Entwicklungen darzustellen.

Individualisierung

Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein bestimmte weitgehend die Herkunft über die gesellschaftliche Stellung. Arbeit, Wohngegend, Alltagskultur usw. waren bestimmt durch Klasse und Geschlecht. Heute scheint sich diese fest gefügte Struktur der Gesellschaft aufgelöst zu haben. Jeder einzelne Mann und jede einzelne Frau kann und muss eine Vielzahl von Entscheidungen treffen, die das eigene Leben bestimmen, die in der Vergangenheit durch die gesellschaftliche Stellung automatisch vorgegeben waren. Das ergibt zwar viel mehr Spielraum in allen Lebenssituationen, macht das Leben des einzelnen Individuums aber nicht einfacher. Diese Individualisierung brachte nicht mehr Gerechtigkeit zwischen den Menschen, das Gegenteil ist der Fall: In den letzten Jahrzehnten haben sich zum Beispiel die Einkommensunterschiede innerhalb der Industriegesellschaften vergrössert. Die Schule als Institution kann auf diese Individualisierungstendenz kaum reagieren. Durch sehr viele Rahmenbedingungen – verbindliche Lehrpläne, Jahrgangsklassen, Selektion, Schulpflicht etc. – ist sie zu einem hohen Grad der Uniformität verpflichtet. Wohl sind es die Lehrpersonen, die ihren Unterricht zu individualisieren versuchen. Und doch wird dies nur punktuell möglich sein.

Frauen und Männer

Das Selbstverständnis der Frauen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Ihre Bildungschancen haben sich an jene der Männer angeglichen. In Politik und Wirtschaft rücken Frauen in Schlüsselstellen auf. Damit ist die Gleichstellung der Frauen jedoch noch nicht erreicht: Nach wie vor verdienen Frauen in vielen Berufsfeldern für gleiche Arbeit deutlich weniger als Männer, die meisten Machtpositionen in Wirtschaft und Gesellschaft sind nach wie vor von Männern besetzt. Im privaten Bereich tragen Frauen meistens noch die ganze Versorgungsarbeit für Kinder und Haushalt. Väter verbringen zwar heute wenig mehr (Frei-)Zeit mit ihren Kindern als früher. Aber der Arbeitsmarkt und männliche Rollenklischees erschweren es den Männern, erzieherische Arbeit (mit) zu leisten.

Multikulturalität

Die multikulturelle Zusammensetzung unserer Gesellschaft ist wahrscheinlich eine der grössten Herausforderungen für unsere Volksschule. Die Zuwanderung hat grosse Auswirkungen auf die tägliche Arbeit der Lehrpersonen, aber auch auf die Arbeit der Behörde. Dazu kommt, dass die Heterogenität noch viel mehr Kulturkreise umfasst. So ist es nicht selten, dass in einer Primarklasse Kinder aus drei oder vier Kontinenten sitzen. Die Schule muss die Voraussetzungen zuerst schaffen, nämlich solide und altersgemässe Kenntnisse der deutschen Sprache, damit der Erwerb der Kulturtechniken – Lesen, Schreiben und Mathematik – gelingt.

Kinder am Beginn des neuen Jahrtausends

Die jetzt aufwachsenden Kinder werden auch als die «Kinder der Freiheit» bezeichnet. Tatsächlich ist es so, dass es noch nie eine derart selbstbewusste Kinder- und Jugendgeneration gegeben hat. Kinder haben vielfältigen Zugang zu Informationen und somit Einblick in die Welt der Erwachsenen. Die dadurch eröffneten Handlungsspielräume werden aber von vielen Kindern und Jugendlichen nicht nur als Chance wahrgenommen; sie können auch zu Hilflosigkeit führen. Diese Jugendlichen können die Entscheidungsbereiche für sich nicht nutzen, weil sie dabei emotional überfordert sind und zu wenig Hilfe und Förderung bekommen. Die Aufgaben für Eltern, für Lehrerinnen und Lehrer und andere Pädagoginnen und Pädagogen ändern sich damit tief greifend: Es gilt, die Heranwachsenden in die Lage zu versetzen, die Chancen wahrzunehmen. In vielen Bereichen verwischt sich der übliche Wissensvorsprung der Erwachsenen mit dem der Kinder und Jugendlichen. Daneben bestehen die traditionellen sozialen Barrieren in der Gesellschaft weiter fort: Kinder von Benachteiligten sind immer auch benachteiligt! Dafür fehlen vielen Kindern die Erfahrungswelten der «Primärerlebnisse», die für die Lebenstüchtigkeit als wichtig angesehen werden.

Steigender Druck

Der steigende Druck, um die gesellschaftlich – vor allem aber ökonomisch – geforderten Leistungen zu erbringen, schlägt nicht nur auf Eltern, sondern auch auf die Kinder und Jugendlichen durch. Schulische Leistungen und Erfolge bestimmen die Lebensperspektiven eines Menschen stark mit. Der Schulerfolg ist immer noch abhängig von der Schichtzugehörigkeit der Eltern. Das Angebot der öffentlichen und privaten Bildungsträger ist zwar sehr vielfältig. Dennoch sind Umwege in der schulischen Laufbahn für viele Eltern und Jugendliche zu hohe Hürden. Eltern, Kinder und Jugendliche reagieren auf diesen steigenden Druck oftmals mit resignativer Anpassung, mit unterschiedlichsten Formen der Realitätsflucht oder mit Widerstand.

Unterschiedlichste Forderungen an die Schule

Aus dem oben Gesagten wird klar, dass die Schule verschiedensten Forderungen ausgesetzt ist, die sich oft widersprechen:

Forderung nach mehr Betreuungs- bzw. Erziehungsarbeit Forderung nach mehr Leistung und Wissensvermittlung
Forderung nach klarer Vermittlung von Werten und Normen Forderung von Erziehung zu individueller Lebensgestaltung
Forderung nach ganzheitlicher und individueller Förderung und Beurteilung Forderung der kollektiven, vergleichenden Stoffvermittlung
und Selektionsmassnahmen
Forderung nach einer Erziehung zur Selbstständigkeit und Selbstbestimmung Forderung nach klaren Regeln und Durchsetzung der entsprechenden Disziplinierungsmassnahmen

Umsetzung der Forderungen

In vielen politischen Vorstössen auf eidgenössischer, kantonaler und kommunaler Ebene werden der breite Konsens und die Richtung der Entwicklung sichtbar. Das Volksschulgesetz setzte verschiedene der Forderungen um:

1. Blockzeiten

Gesetz und Verordnung sehen seit 2007/08 vierstündige Blockzeiten am Morgen für alle Stufen der Volksschule vor.

2. Ausserfamiliäre Betreuung

Die Gemeinden (Schulgemeinden) sind verpflichtet, den Bedarf an Tagesstrukturen zu erheben und die entsprechenden Formen einzurichten: Tagesschulen, Schülerclubs, Horte, Mittagstische und Betreuungsangebote während der Randstunden des Unterrichts (VSV § 25). → Tagesstrukturen

3. Mitwirkung der Eltern

Im Organisationsstatut wird den Eltern ein Mitwirkungsrecht auch bei der Erstellung des Schulprogramms eingeräumt (VSV § 62). → Elternmitwirkung

Auf individueller Ebene wird den Intentionen und Meinungen der Eltern grosses Gewicht beigemessen. So besteht Mitspracherecht bei allen Laufbahnentscheiden. → Schullaufbahnentscheide

Und die Folgen?

Kehren wir zurück zum eingangs erwähnten Gespräch: Sie werden sich bemühen müssen, die grundsätzlichen Haltungen und Erwartungen Ihres Gegenübers herauszufinden. Sie werden sich aber auch bemühen müssen, für die Werte einzustehen, die sich die Institution Schule erarbeitet hat (Pädagogisches Leitbild, Schulprogramm etc.). Sie werden sich weiter bemühen müssen, die Angebote der Schule transparent zu machen. Die Schule findet nicht im luftleeren Raum statt. Die Bildung der Kinder und Jugendlichen ist eine anspruchsvolle Aufgabe, welche die verschiedenen Eltern und die Schule nur gemeinsam und im Gespräch miteinander erreichen können.

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